Geschichte des Klostergartens

Klostergärten haben sich im Laufe der Jahrhunderte verändert. Das erschwert einen historischen Blick auf nicht mehr erhaltene Gartenanlagen, wie jene des Mittelalters. Überlieferte, historische Dokumente jedoch können einen Einblick geben, wie Klostergärten vergangener Zeiten ausgesehen haben könnten. Eine Spurensuche beginnt.

 

 

Klostergärten im Frühmittelalter –
Von Benedikt von Nursia zu Walahfrid Strabo

St. Galler Klosterplan

St. Galler Klosterplan

Eine erste Fährte fĂĽhrt ins Kloster Montecassino, dem Ort, an dem Benedikt von Nursia (um 480–547) die später fĂĽr alle christlich-abendländischen Ordensgemeinschaften maĂźgebende Benediktsregel aufstellt. In der Benediktsregel (auch Regula Benedicti genannt) wird der Klostergarten explizit erwähnt: „Das Kloster soll, wenn möglich, so angelegt werden, dass sich alles Notwendige, nämlich Wasser, MĂĽhle und Garten, innerhalb des Klosters befindet […]“(RB 66,6). Dieser Garten hat eine zweifache Funktion: Er ist Ort körperlicher Arbeit (labora) und gleichzeitig ein Ort der EinĂĽbung monastischer Tugenden wie Demut und Aufrichtigkeit (RB 7,63; 46,1). Durch die Hilfe von LaienbrĂĽdern und Feldarbeitern können die Mönche schon frĂĽh wirtschaftliche Unabhängigkeit erreichen. Zweifelsohne verfĂĽgen die Klöster auch ĂĽber Anbauflächen auĂźerhalb des Klosters. „Auf diese Weise gelang[]en Kenntnisse ĂĽber Kulturpflanzen, Anbaumethoden und Gartenanlagen zu den Menschen auĂźerhalb der Klöster“ (Willerding 1992, 257).

Zwei im 9. Jahrhundert verfasste Schriftstücke, die sich nach den Vorgaben der Benediktsregel richten, vermitteln einen idealisierten Eindruck frühmittelalterlicher Klostergärten: Der St. Galler Klosterplan (um 820) und die Dichtung hortulus (um 840).

Im St. Galler Klosterplan (um 820), einer idealisierten Zeichnung eines Musterklosters, sind mehrere Gartentypen eingezeichnet: Kreuzgarten, Heilkräutergarten, Gemüsegarten und Obstbaumgarten. Letzterer ist gleichzeitig der Klosterfriedhof. Mit Ausnahme des Kreuzgartens gibt der St. Galler Klosterplan genaue Auskunft über die Gartenbepflanzung (vgl. Schedl 2014, 123–134). Dabei fällt auf, dass eine Mischkultur vorgeschrieben ist. Beispielsweise sind im Heilkräutergarten neben Salbei und Fenchel auch Zierpflanzen wie die Rose und Gewürze wie Rosmarin und Pfeffer vorgesehen. Im Gemüsegarten sollen – nach heutigem Verständnis – sowohl Gemüse- (z.B. Zwiebeln und Schalotten) als auch Gewürz- (z.B. Schwarzkümmel) und Krautpflanzen (z.B. Petersilie und Dill) angebaut werden. Im Obstbaumgarten wachsen neben heimischen Bäumen auch südländische, wie die Feige.

Dem in Versform 24 Heilpflanzen aufführende Gedicht hortulus (um 840) vom Abt des Klosters Reichenau, Walahfrid Strabo (808/9–849), wird besondere Bedeutung beigemessen. Es herrscht Einigkeit darüber, dass die meisten Pflanzenarten des hortulus tatsächlich angebaut werden (vgl. Roth 2009, 50). Die Anordnung der Pflanzen im hortulus gilt als Vorlage für heutige, dem mittelalterlichen Heilkräutergarten nachempfundene Kräutergärten. Beachtenswert sind die Parallelen zu den Gärten des St. Galler Klosterplans. In der Abbildung links sind jene Hochbeete hell unterlegt, die mit dem Heilkräutergarten des St. Galler Klosterplans übereinstimmen. Die dunkelgrauen Hochbeete sind Pflanzen, die im Klosterplan für den Gemüsegarten bestimmt sind und die gelbmarkierten Hochbeete markieren jene Pflanzen, die nur im hortulus erwähnt werden.

Klostergärten im Hochmittelalter –
Orte naturkundlichen Wissens

Ein verlässliches Bild hochmittelalterlicher Klostergärten gibt die Benediktinerin und Äbtissin Hildegard von Bingen (1098–1179) in ihren naturkundlichen Schriften. Darin behandelt sie schwerpunktmäßig eigene und volkstümliche Erfahrungen mit einheimischen wilden Heilpflanzen und erweitert die bisher bekannten Pflanzen in Klostergärten erheblich (vgl. Vogellehner 1984, 81–82). Demgegenüber sind die Mönche und Nonnen des sich ab 1098 entwickelnden Zisterzienserordens durch ihre internationalen Beziehungen maßgeblich bei der Einführung und Weiterzucht von Obst- und Gemüsesorten beteiligt. Damit prägen sie auch die Pflanzenkultur der nichtklösterlichen Landwirtschaft in ihrer Umgebung maßgeblich (vgl. Roth 1995, 43). Für die Zisterzienser reicht das Einsammeln von Wildpflanzen nicht aus, um beispielsweise Wein oder Bier herzustellen. Aus diesem Grund werden auch reine Hopfengärten angelegt (vgl. Roth 2009, 59). Weingärten bestehen nur in klimatisch geeigneten Gegenden. Der Weinkonsum der Mönche wird schon in der Benediktsregel erwähnt (vor allem RB 40). Da Wein für Liturgie und Heilkunde eine herausragende Bedeutung besitzt, verfügen einige Klöster, die keinen Wein anbauen können, über Weinberge in entfernten Weinanbaugebieten (vgl. Roth 1995, 49).

Im Hochmittelalter nimmt die Bedeutung von nichtproduktiven Gartenbereichen zu. Stellvertretend für diese Entwicklung steht der Dominikanermönch Albertus Magnus (1193–1280) und seine Vorstellung eines Lust- und Nutzgartens (Willerding 1992, 256–258). Pflanzen, wie z.B. die Rose, die im St. Galler Klosterplan noch im Heilkräutergarten verortet wird, überführt Albertus Magnus in einen Grasgarten mit Rasenbank, Bäumen und Brunnen. Der Garten ist nicht nur Ort der Arbeit, sondern der Kontemplation, des Gebetes und der Ruhe. Ähnliche Gartenanlagen existieren bis zum Ende des Spätmittelalters.

Eine Sonderstellung in vielerlei Hinsicht stellen die Gärten der in eremitischer Abgeschiedenheit lebenden Kartäuser dar. Ihre Gartenanlagen stehen denen anderer Orden in nichts nach und sind beispielsweise Vorbild für den französischen Obstbau (Roth 1995, 47). Darüber hinaus verfügt jeder Kartäusermönch über einen an seine Zelle angrenzenden Garten, der individuell gestaltet wird (vgl. Roth 1995, 47).

Klostergärten des Barocks –
Pracht und Glanz herrschaftlichen Ausdrucks

Kunstvoll und prächtig präsentieren sich die Klostergärten im Zeitalter des Barocks. In Prunk und Glanz unterscheiden sie sich kaum von den herrlichen Schlossanlagen des 17. und 18. Jahrhunderts. In symmetrischer Anordnung zeugen die großzügigen Skulpturengärten und parkähnlichen Anlagen vom fürstlichen Charakter der Klosteranlagen. Einige herausragende Klostergärten werden Vorbild für bedeutende Anlagen, wie der Barockgarten des Klosters Kamp am Niederrhein für den Park von Sanssouci in Potsdam (vgl. Roth 1995, 60). Weiterhin werden Nutzgärten gepflegt, in denen besonders edle Obstsorten reifen.

Der Klostergarten seit dem 19. Jahrhundert –
Traditionspflege und neue Wege

Nach den gesellschaftlichen Umwälzungen und der Enteignung der Klöster bilden sich im 19. und 20. Jahrhundert neue Gemeinschaften, die auch das kulturelle Erbe der Klostergärten fortführen. Heute sind viele Klöster nicht mehr monastisch bewohnt und mit einer neuen Funktion (z.B. Pfarrkirche, Museum, Stadtverwaltung) ausgestattet. In einigen Klöstern werden klösterliche Gartentraditionen fortgesetzt, wie z.B. der Kräutergarten im Kloster Michaelstein. Großer Beliebtheit erfreuen sich Produkte aus solchen Klostergärten, die gemeinhin als besonders kostbar gelten.

Literatur

  • Roth, Hermann Josef: Nutzen und Nutzung der Pflanzen. Klostergärten vom Mittelalter bis heute. In: Roth, Hermann Josef / Wolschke-Bulmahn, Joachim / Hauptmeyer, Carl-Hans / Schönermark, Gesa [Hrsg.]: Klostergärten und klösterliche Kulturlandschaften. Historische Aspekte und aktuelle Fragen, MĂĽnchen 2009, 49–75.
  • Roth, Hermann Josef / Richner, Werner: Schöne alte Klostergärten. Geheimnis, Symbolik und Heilwissen fĂĽr heute neu entdeckt, WĂĽrzburg 1995.
  • Schedl, Barbara: Der Plan von St. Gallen. Ein Modell europäischer Klosterkultur, Wien [u.a.] 2014.
  • Vogellehner, Dieter: Garten und Pflanzen im Mittelalter. In: Franz, GĂĽnther [Hrsg.]: Geschichte des deutschen Gartenbaues, Stuttgart 1984, 69–98 (Deutsche Agrargeschichte, 6).
  • Willerding, Ulrich: Gärten und Pflanzen des Mittelalters. In: Carroll-Spillecke, Maureen [Hrsg.]: Der Garten von der Antike bis zum Mittelalter, Mainz 1992, 249–284.

Bildquellen

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