Interview zum Klosterherbst

Erster Hannoveraner Klosterherbst

Ein Interview mit Br. David Damberg OSB, Cella St. Benedikt Hannover

Ensemble Nobiles sing die Auftragskomposition für den Klosterherbst

Ende September – Anfang Oktober 2019 fand in Hannover der erste Klosterherbst statt. Die Mönche der dortigen Cella kündigten die beiden Veranstaltungswochen so an: „Beim Klosterherbst möchten wir Dir die klösterliche Lebenskultur erfahrbar machen. Dies aber nicht im Sinne einer Dokumentation, sondern so, dass Du das Kloster als Teil Deines eigenen Lebens erfährst, dass Du sozusagen den Mönch in Dir entdeckst – und das ganz unabhängig von Geschlecht, Konfession oder Religion. Um den Mönch als Urbild oder Archetyp zu entdecken, muss man nicht in ein Kloster eintreten, man kann verheiratet sein, Kinder haben und in einem Büro arbeiten. Dass dieser Archetyp, dieses Urbild gefragt ist, das zeigen all die modernen Suchbewegungen nach einem einfachen Lebensstil, die Sehnsucht nach Zeiten der Stille, das Leben so vieler in einem Singlehaushalt und die Einsicht für eine gemeinsame Zukunft auf unserem Planeten auf Gewohntes verzichten zu müssen.“ Wir haben im Anschluss mit Br. David darüber gesprochen:

Bruder David, worum genau ging es beim Klosterherbst?

Mit dem Klosterherbst wollten wir den Menschen unserer Stadt und darüber hinaus die Möglichkeit geben, sich über die eigene mönchische Seite Gedanken zu machen und sie zu wecken. Das Interesse an Klöstern ist ungebrochen und zugleich merken wir, wie bestimmte Themen ins Zentrum des allgemeinen Interesses rücken, wie Minimalismus, Meditation, Verzicht, Rückzug. Das sind im Grunde ganz monastische Begriffe und Wege. Es ist meine Auffassung, dass sich zwar die Zahl der Mönche und Nonnen weiter reduzieren wird oder in gewisser Weise verdunstet, die Themen werden aber, da bin ich ganz sicher, in der Gesellschaft kondensieren. Und da ist es unsere Aufgabe als Stadtmönche, das aufzugreifen und die Schätze unserer Traditionen für die „Weltmönche“, also die Menschen in der Stadt, die einen solchen Weg unabhängig von Gelübde und Strukturen gehen wollen, verfügbar zu machen.

Den Mönch in Dir entdecken, hat das Leute speziell angesprochen? Oder war es das Kulturprogramm, was zog?

Wie so oft war es natürlich beides. Aber das ist alles andere als tragisch, sondern gehörte zum Konzept dazu. Wenn wir davon ausgehen, dass das Mönchtum in der Gesellschaft sozusagen wiedergeboren wird, dann gibt es nicht nur unterschiedliche Zugänge, sondern auch unterschiedliche Stufungen. Uns war es wichtig, einerseits Niederschwelliges anzubieten, so dass Interessenten einfach „nur“ ein Konzert besuchen konnten. Andererseits wollten wir auch eine wirkliche spirituelle „Tiefung“ durch unsere Workshops und Vorträge ermöglichen. Wir haben das einmal Seeding genannt, es geht also um das Sähen der Idee, das eigene Leben im Lichte der monastischen Tradition zu betrachten.

Welche Veranstaltungen waren am besten besucht?

Am schnellsten Ausgebucht war unsere spirituelle Führung durch die Stadt. Dabei ging es darum, Orte aufzusuchen, die nicht gleich eine spirituelle Bedeutung nahelegen, wie es Kirchen, Friedhöfe etc. tun. Die Gruppe machte beispielsweise Halt bei einer Vollwertbäckerei, bei einer Bushaltestelle usw. Noch heute kommen Mails und wir werden angefragt, wann die nächste spirituelle Stadtführung stattfindet.

Was uns aber besonders überrascht hat, ist der große Zulauf bei den Vorträgen. Vorträge gibt es in einer Stadt wie Hannover wie Sand am Meer. Jeden Tag zu jeder Zeit kann man irgendwo hingehen. Daher waren wir hier am skeptischsten, wie der Zulauf sein wird. Doch beide Male waren wir überwältigt, wie sehr die Menschen das Thema interessierte und beide Male ging es explizit genau darum, den Mönch in sich zu entdecken und zu leben. So fühlen wir uns thematisch voll und ganz bestätigt.

Haben Sie neue Leute gesehen, oder doch im Wesentlichen Personen, die auch sonst der Cella verbunden sind?

Es ist ganz interessant, dass wir vor allem Menschen erreicht haben, die sehr selten oder noch nie die Cella besucht haben. Unsere Besucher, die wöchentlich oder sogar täglich kommen, waren weniger stark vertreten. Und eine Umfrage nach Abschluss des Klosterherbstes gibt diesem Eindruck Recht. Genau das wollten wir ja auch, Menschen über unser Umfeld hinaus ansprechen. Wir sind sehr froh, dass uns dies gelungen ist.

Ihre Gottesdienste waren mit eingebunden. Wie war das Interesse daran?

Hier haben wir sicherlich zukünftig noch eine Aufgabe. Zwar waren die Gottesdienste im Programm mit aufgeführt, aber wir konnten keine Veränderung in der Anzahl der Besucher feststellen. Ich könnte mir vorstellen, dass eine Einführung vor einem Gottesdienst oder spezielle Stundengebete eine Alternative sein können, anstatt alle Gebete aufzuführen.

Welche Themen und Fragen brachten die Leute mit?

Es war immer wieder zu spüren, dass die Menschen ehrliche Lebenszeugnisse suchen. Immer, wenn Referenten von sich sprachen, wenn es persönlich oder biografisch wurde, war die Aufmerksamkeit am größten. Wir hatten zum Glück gerade bei den Vorträgen zwei Referenten, die sehr stark von sich sprachen, ohne das Thema dabei aus den Augen zu verlieren.
Und tatsächlich war den Menschen der Gedanke des inneren Mönchs sehr wichtig. Überhaupt in einem kirchlichen Rahmen eine solche Vielzahl und Vielheit zu erleben, fanden manche Gäste wichtig.

Wie war die Rückwirkung auf Sie als Mönche? Gibt es Konsequenzen aus Impulsen, die Sie eventuell empfangen haben?

Wir spüren ganz klar, dass wir auf einem guten Weg sind mit dem Gedanken, monastisches Leben für die Menschen der Stadt verfüg- und lebbar zu machen. Und ganz konkret werden wir, wenn es sich anbietet, mit der Möglichkeit spielen, unsere Gottesdienste und Veranstaltungen live zu übertragen. Das war auch eine Erfahrung.  Unsere Live-Übertragungen, die zwar technisch manchmal nicht ganz funktionierten, waren doch sehr gefragt. Jetzt haben wir aber den technischen Dreh raus und können daher solche Angebote in die Realität umsetzen. Sicherlich werden wir aber auch zukünftig noch stärker die Vermittlung der monastischen Tradition und Weisheit in den Blick nehmen.  Da werden wir selber sicherlich noch so einiges neues entdecken.

Gab es Rückmeldungen auch von anderen Ordensleuten?

Nein, die gibt es nicht. Wir hatten natürlich bei all unserem Vorhaben und Tun die volle Unterstützung unserer Klosterleitung in Meschede, aber von anderen Ordensleuten haben wir keinerlei Rückmeldung erhalten. Das haben wir auch gar nicht erwartet. Die Dichte der Ordensleute ist im Norden Deutschlands ja auch sehr gering. Ich denke zudem, dass wir da einen ganz eigenen Weg gehen, der für viele andere Ordensleute nicht stimmig wäre.

Planen Sie kommendes Jahr wieder einen Klosterherbst, eventuell auch über Hannover hinaus?

Gewiss wird es im kommenden Jahr keinen Klosterherbst geben, das würde unsere kleine Gemeinschaft überfordern. Ob es dann im Jahren 2021 einen Klosterherbst geben wird, werden wir zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden. Und wie ein zweiter Klosterherbst aussehen wird, das müsste sich dann zeigen. Aber wir vertrauen ganz auf die entsprechende Eingabe des Heiligen Geistes. Wer sich der Offenheit hin öffnet und bereit ist, der wird auch geführt und dem fallen auch neue Ideen und Wege ein – oder werden ihm vielmehr geschenkt.

Das Interview führte Martin Erdmann
Weitere Infos unter www.klosterherbst.de