Die Zisterzienser als Wegbereiter moderner Administrations- und Wirtschaftsnetzwerke

Vom Rechtsbruch zu europaweiten Innovationen

von Helmut Flachenecker

Ein Rechtsbruch bereitet den Weg

Als Robert, erster Abt des Klosters Molesme, sein Kloster mit einer Gruppe von Unterstützern verließ, um in der Einsamkeit eines Feuchtgebietes am Fluss Saône, südlich von Dijon, ein Novum Monasterium zu gründen, beging er einen klaren Rechtsbruch. Nach der Regula Sancti Benedicti dürfte er weder sein Kloster noch sein Amt verlassen. Der Vorwurf des häretischen Vorgehens begleitete den Neuanfang, und tatsächlich musste Robert zurück in sein Kloster Molesme, wo er im Jahre 1111 verstarb.

Robert war ein eifriger Vertreter einer Gruppe von Mönchen, die zu einer ursprünglicheren Auslegung der Benediktusregel zurückkehren wollten. Er floh 1098 aus dem zu Reichtum gekommenen Molesme, um einen reformatorischen Neuanfang, der nichts anderes als eine Rückkehr zur angestrebten alten Regelbeachtung bedeuten sollte, zu wagen. Der Reichtum der Institution Kloster war in seinen Augen ein gefährlicher Irrweg, und eine Abkehr von der ursprünglichen Regel, die mit dem Namen Benedikts von Nursia verbunden ist. Die Frage der Reform war also eine Frage der Regelauslegung. Robert und seine Anhänger wollten zurück zur pura regula. Die propagandistisch formulierte Heiligkeit des Textes befreite die Nachfolger Roberts nicht von der Frage, was die reine Regel eigentlich bedeutete. In dem einzigen erhaltenen zisterziensischen Regelkommentar aus dem Kloster Pontigny aus dem Jahre 1210 wird diese Frage explizit aufgeworfen.[1]

Gegen den Vorwurf Ivos von Chartres († 1115) und anderer, die neue Gruppe lebe in eigenen, nicht öffentlichen und daher geheimen Orten nach eigenem Recht (in privatis locis proprio jure), sie seien fugitivi,[2] beharrten die Neuerer – mit Berufung auf das Decretum Gratiani Causa 19 quaestio 2 capitulum 2[3] – auf dem Vorrang der Entscheidung des Individuums (lex privata) gegenüber den allgemeinen Grundsätzen (lex publica), da es letztendlich um das Seelenheil des Einzelnen gehe. Gegen den erhobenen Häresieverdacht konnten die Zisterzienser erfolgreich anführen, dass sie nach der seit Jahrhunderten anerkannten Benediktusregel und eben nicht nach eigenem, selbst geschaffenem Recht leben wollten. Der dafür notwendige Bruch der Regel bedeutete aber, dass damit – natürlich unbewusst – der Startschuss zu einem bis dato größten Ordensverband mit völlig neuen administrativen Strukturen initiiert worden ist. Klöster neuen Typs entstanden, die in ambivalenter Form der Welt entfliehen wollten, aber dennoch in bisher nicht gekannter Weise mit dieser vernetzt waren und entsprechende Impulse aussendeten.

Wie könnte diese angedeutete neue Wirkmacht von Klöstern umschrieben werden? Darauf versucht Gert Melville eine Antwort zu geben.[4] Ausgehend von einer institutionell verankerten Macht, die im Kloster konsensual zwischen Abt und Konvent ausgeübt wurde, fußt diese auf dem grundsätzlichen Einigungswillen im Einzelkloster bzw. in einem Klosterverband auf dem Konsens aller beteiligten Klöster. Konsens als Machtfaktor bildete die Voraussetzung für den Transport von Prestige, Kompetenz und Ansehen nach außen hin, etwa durch konventual gelebte monastische Frömmigkeit oder gar durch individuelle Heiligkeit. Die damit im besten Falle erreichte Überzeugung der Laienwelt evozierte eine Wirkmacht nach außen, welche von jener nach innen hin zu unterscheiden ist. Der inquisitorischen Macht nach innen, gegenüber Konventsangehörigen, steht eine solche nach außen hin gegenüber: die Klöster konnten als Licht der Welt wahrgenommen werden.